Der Orangefuchsige Rauhkopf - Pilz des Jahres 2002

 

Zum Pilz des Jahres 2002 hat die Deutsche Gesellschaft für Mykologie den Orangefuchsigen Rauhkopf (Cortinárius orellánus (Fries) Fries   1838) gewählt. Er gilt nach der Roten Liste Deutschlands, die alle zu schützenden Pilzarten enthält, als gefährdet (RLD: 3) In der Roten Liste Sachsens wird er als eine Art geführt, die extrem selten ist (RLS: R). Der Pilz ist ein Ständerpilz (Basídiomycet), gehört in die sehr umfangreiche Gattung der Schleierlinge (Cortinárius), und zwar zu der Untergattung der Rauhköpfe (Leprócybe) und ist, wie die Cortinarien alle, ein Mýkorrhiza-Pilz. Er kommt nicht häufig vor und ist tödlich giftig.

 

Ehe der Orangefuchsige Rauhkopf näher vorgestellt wird, soll etwas über die sehr spät erkannte Gefährlichkeit dieses Pilzes vorhergeschickt werden. Niemand würde auf die verrückte Idee kommen, zum Teesammeln auf irgend eine Wiese zu gehen, mit der Sense alles, was grün aussieht, abzumähen, zu trocknen und dieses Heu dann portionsweise nach Bedarf aufzubrühen, unabhängig davon, ob in dem Heu Maiglöckchen, Aaronstab, Nachtschattengewächse und ähnliche "Leckereien" enthalten sind. 1952 wurde in Polen anläßlich einer Wanderung dieser Pilz des Jahres 2002 in größeren Mengen gefunden. Weil er so schön aussah (!), wurde er gesammelt, zubereitet und von einer größeren Anzahl der "Wanderer" verspeist. Nach längerer Zeit erkrankten diese sehr schwer, viele starben eines jämmerlichen Todes durch Nierenversagen. Zuerst dachte niemand daran, daß es einen Zusammenhang zwischen der Vergiftung und dem verhängnisvollen Pilzgericht geben könnte, weil die Inkubationszeit fast drei Wochen betrug. Innerhalb eines Zeitraumes von 1952 bis 1957 kam es in Polen zu insgesamt 132 Vergiftungen mit 19 Todesfällen. Erst systematische Untersuchungen dieser Erkrankungen enthüllte die Giftigkeit dieses Schleierlings und den Wirkungsmechanismus der verursachenden Pilzgifte, der sog. Orellanine. Auch wurde dabei festgestellt, daß weitere Pilze dieser Gattung ebenso tödlich sein können.

 

Es sollte daher beim Pilzesammeln stets der Grundsatz gelten: Nur die Arten gehören in den Pilzkorb, die ganz zweifelsfrei als Speisepilze identifiziert werden können. Alles Unbekannte oder Ungewisse, aber auch alles nicht mehr frisch Aussehende bleibt stehen!

 

Kurzcharakteristik des Orangefuchsigen Rauhkopfes :

 

Allgemeines Aussehen: Ein ansehnlicher, mittelgroßer Blätterpilz mit einem meist stumpf gebuckelten orangefuchsigen, fein filzig-faserigen Hut, entfernt stehenden dicklichen orangegelblichen Lamellen und einem recht langen gelblichen Stiel.

 

Fruchtkörper: Hut jung halbkugelig, im Alter gewölbt bis ausgebreitet, fleischig und 3 bis 8 cm im Durchmesser. Der Rand ist erst eingerollt, später wellig verbogen und dann dünn. Die Hutoberfläche ist trocken, nicht hygrophán (d.h. nicht durchwässernd), feinfilzig bis samtig. Es herrschen Farbtöne von orangefuchsig (Name!) über orangebräunlich bis dunkelbraun vor. Die Lamellen (die Blätter auf der Hutunterseite, an denen die Sporen gebildet werden) sind jung orangegelblich, dann durch die Sporenreife rostbraun verfärbend, dicklich und leicht entfernt stehend, am Stiel ausgebuchtet angewachsen, untermischt (nicht alle Lamellen sind gleich lang, die kürzeren erreichen daher nicht den zentralen Stiel) und breit. Der Stiel ist fest und voll, zylindrisch, am unteren Ende etwas verjüngt und ohne Knolle, gelblich gefärbt, von der Basis bräunlich verfärbend, mit kahler oder leicht faseriger Oberfläche, bis 8 cm lang und bis etwas über 1 cm dick. Die sehr vergänglichen Reste der spinnwebenfaserigen Teilhülle, die sog. Cortina (Name der Gattung!), die im Jugendstadium des Pilzes den Hutrand mit dem Stiel verbindet und dadurch die Lamellen verbirgt, ist hellgelblich und nur kurz nach dem Aufschirmen des Hutes am oberen Stielteil noch sichtbar.

 

Fleisch: Gelblich bis schwach fuchsig, im Hut manchmal auch rötlichbraun. Geruch schwach rettigartig.

 

Geschmack und Genießbarkeit: Das Fleisch schmeckt mild. Das hat vor allem in Polen, wo dieser Pilz zeitweilig in größeren Mengen gefunden wurde und damals noch keine Kenntnisse über seine Gefährlichkeit vorlagen, leider zu den oben beschriebenen schweren Vergiftungen geführt. Die wirksamen Pilzgifte, Orellanine sind heimtückisch, weil sie erst nach einer Latenzzeit von ca. 3 bis 18 Tagen ihre Wirkung zeigen (großer Durst, Trockenheitsgefühl, Brennen in der Mundhöhle), dann Magen- und Darmstörungen wie Übelkeit, Erbrechen, Schmerzen im ganzen Bauchbereich, später Nierenschädigung (Oligurie und Albuminurie), verbunden mit Bewußtlosigkeit und Krämpfen, auch Leber und Milz werden angegriffen. Nach frühestens 2 bis 3 Wochen tritt der Tod durch Urämie ein. Die Behandlungsmethoden gegen eine erfolgte Vergiftung sind die wie bei einer allgemeinen schweren Nierenerkrankung. Bei günstigem Verlauf zieht sich die Rekonvaleszenz über Wochen bis Monate hin. Oft bleiben dauernde Nierenschäden zurück. Auch jetzt noch kommt es in Europa jedes Jahr zu Vergiftungen durch diesen Pilz. Er muß daher genauso wie die tödlichen Grünen und Weißen Knollenblätterpilze zu den gefährlichsten Giftpilzen gerechnet werden.

 

Vorkommen: August bis Oktober im Laubwald, besonders unter Eichen, aber auch bei Rotbuche, Hainbuche, Birke und Hasel angegeben. Die Art bevorzugt wärmebegünstigte Gebiete in Mittel- und Südwestdeutschland, Frankreichs, der Tschechei, der Slowakei und Ungarns, ist recht selten, stellenweise jedoch häufiger, liebt saure und meidet kalkhaltige Böden. In Sachsen wurde er bisher nur in der Oberlausitz und letztmalig 1972 gefunden.

 

Lebensweise: Als Mykorrhiza-Pilz (eine besondere Form der Symbiose von photosynthese-fähigen Grünpflanzen, meist Bäumen, und dem Pilzgeflecht als Organismus ohne eigenes Blattgrün) ist er an die Existenz von waldbildenden Bäumen, namentlich die Eiche gebunden. Er kann also nicht in freiem Gelände, z.B. auf Wiesen oder Weiden oder in Ackerland gefunden werden.

 

Verwechslungsmöglichkeiten: Um den Pilz des Jahres 2002 mit einem Hallimasch (Weißsporer, der als Schwächeparasit an Bäumen vorkommt!) oder sogar mit einem Pfifferling (ein Leistling, kein Blätterpilz, der außerdem einen trichterförmigen Hut besitzt, der ohne Ansatz in den Stiel übergeht) zu verwechseln (wie es offenbar vorgekommen ist), bedarf es schon einer gehörigen Portion großer Leichtfertigkeit und pilzkundlicher Unbedarftheit. Ähnliche Pilze kommen nur in derselben, sehr großen Gattung der Cortinarien vor. Sie umfaßt für Mitteleuropa über 500, oftmals nur schwer bestimmbare Arten. Sie alle gehören zur Familie der Schleierlingsartigen, zu denen z.B. auch die Gattung der Rißpilze (Inócybe) (etwa 160 Arten) zählt. Die meisten Pilze in dieser Familie sind ungenießbar, viele sehr giftig und einige auch tödlich giftig. Nur die sehr genaue Kenntnis der recht wenigen eßbaren Arten kann vor gesundheitlichen Schäden bewahren.

 

Dieter v. Strauwitz

Leiter der Fachgruppe Mykologie Dresden im NABU

 

 

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